1832: Inspektion der Festungen in Böhmen & Mähren / inspection of the fortresses in Bohemia & Moravia

In Böhmen und Mähren wurden im 18. Jahrhundert vier neue bastionäre Festungen erbaut, die in der Folge eine wichtige Rolle in der Verteidigung der Habsburger Monarchie spielten. Es handelte sich um die Festungen Josefstadt, Theresienstadt, Königsgrätz und Olmütz.
Wie war es aber um diese Festungen im 19. Jahrhundert gestellt, als sie bereits veraltet waren?  Der Wissenstand darüber ist sehr gering. Umso wertvollen sind die “Gehorsamte Berichte” über diese Festungen durch den Verfasser FML Joseph von Benczur, einer der ranghöchsten Offiziere des Ingenieurkorps. Er hatte im Sommer 1832 eine Visitierung der sechs Festungen im Böhmen und Mähren unternommen (zusätzlich zu den vier genannten wurden auch noch die Festungen Prag und Brünn besichtigt).

Die Aufgabe seiner Reise war es, möglichst detaillierte Berichte über den technischen Zustand und Bedarf der einzelnen Festungen sowie über die Tätigkeit der Fortifikationlokaldirektionen zu liefern.

In den Berichten äußerte sich Benczur zur Besetzung der einzelnen Lokaldirektionen und zur Arbeit einiger Offizieren. Er inspizierte die Buchhaltung und die Bauhöfe und beging natürlich persönlich die Festungen. Zum Zeitpunkt von Benczurs Besichtigung dienten in einzelnen Fortifikationlokaldirektionen eine neue Generation qualifizierter Ingenieure, die, wie diese Berichte zeigen, nicht nur mit Geldmangel, sondern auch mit einem immer breiter werdenden Aufgabenportfolio zu kämpfen hatten.

Inspektionsberichte enthalten auch eine Beschreibung der laufenden und geplanten Bauarbeiten, aber auch eine detaillierte Beschreibung der Kontrollmechanismen bei der Verwaltung der zugewiesenen Geldmittel. Diese wurden bei einigen Fortifikationlokaldirektionen nicht immer eingehalten und manchmal bestand der Verdacht auf die Unterschlagung. Zum Beispiel forderte in Theresienstadt FML Benczur den Oberstleutnant Kampmüller auf, der Kontrolle seiner Untergebenen mehr Aufmerksamkeit zu schenken, insbesondere den Ausgaben ihrer Frauen.

In seinen Berichten hat Benczur die Aufmerksamkeit am wenigsten der Festungen Brünn und Königsgrätz geschenkt, welches der Bedeutung dieser Festungen in den frühen 1830er Jahren entsprach. Dagegen finden sich die umfassendsten Berichte über die Festungen Josefstadt, Theresienstadt und vor allem Olmütz. Gerade bei letzterer, wurde zu dieser Zeit der Umbau der Festung in ein verschanztes Lager in Erwägung gezogen, der aber letztendlich erst zwanzig Jahre später realisiert wurde.

Die meisten Inspektionsberichte zeigen, dass der Zustand der bastionierten Festungen zu Beginn der 1830er Jahre aufgrund der lange Zeit fehlenden Investitionen nicht in gutem Zustand waren. Das begrenzte finanziellen Mittel wurden zu dieser Zeit hauptsächlich für den Wiederaufbau und die Instandhaltung der bestehenden Befestigung verwendet (d. h. vor allem für die Sanierung von Escarpen, Brustwehren, Böschung, Trocknung von Kasematten usw.).

Im schlimmsten Zustand fand FML Josef von Benczur die Prager Festung vor. Die Befestigung wurde nämlich nicht nur durch das Wetter, sondern auch durch Zivilisten und betrunkene Soldaten, die sie regelmäßig verschmutzten und schwer beschädigten. Die Wiederherstellung der Befestigungsanlagen stieß oft auf starken Widerstand der Bürger, die die Wassergräben Anfang der 1830er Jahre nicht nur als Gemüsegärten, Heuwiesen, sondern auch als Felder und Promenaden nutzten. In ihren Augen waren es keine Militärgrundstücke, und wie Benczur feststellte, wurde diese Ansicht durch das Fehlen ordnungsgemäßer Eintragungen in Grundbüchern bestätigt. Bei keiner anderen Festung in Böhmen und Mähren fand eine so umfassende und willkürliche Störung des Verteidigungssystems wie in Prag  statt.

English summary:
In 1832 FML Joseph von Benczur inspected the bastion-system fortresses in Bohemia and Moravia in order to assess their conditions after almost a century of neglect after their construction in the 17th century.

He found the fortresses in weak conditions since hardly any investments were undertaken since their construction. The available financial resources lasted at most for minor repair works. Aside of this the suspision of mismanagement and fraud, or simply the personal overload by the officers in charge arose.
Another cause was the civil usage of the fortifications as vegetable gardens, meadows, fields for agricultural production or simply as promenade. This was partly caused by unclear ownership of the properties.

The most severe circumstances FML Benczur found in the fortress of Prague, where the defensive works were extensively destroyed. The reports about the other fortresses, Josevof, Terezín, Hradec Králové, Brno und Olomouc, were slightly better than the Prague report.

 

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